Interview mit Ulf Grawunder – Gründer von NBE Therapeutics

NBE-Therapeutics

Ulf Grawunder gründete im Jahr 2012 mit NBE-Therapeutics sein zweites Biotechnologie- Unternehmen. NBE Therapeutics entwickelt und produziert antikörperbasierende Medikamente, sogenannte Antibody Drug Conjugates (ADC), für die Krebstherapie. Das Unternehmen hat seinen Sitz im Technologiepark Basel. Ulf Grawunder ist CEO der Firma und Vizepräsident der Swiss Biotech Association.

Herr Grawunder, die Schweiz hat eine starke Biotechindustrie, die momentan wieder sehr optimistisch in die Zukunft blickt. Was hat sich in den letzten Jahren im Bereich Biotechnologie grundlegend verändert?

Ulf Grawunder: Ich glaube, dass die Biotechnologiebranche der Schweiz in den letzten Jahrzehnten konstant stark geblieben ist und sich – gestützt auf die guten Rahmenbedingungen – auch weiterhin gut entwickeln wird. Zum Beispiel stieg in den letzten 10 Jahren die Anzahl Schweizer Biotech-KMUs konstant an (alleine im Zeitraum zwischen 2014 und 2015 von 137 auf 207 Biotech-Unternehmen), ohne das es in irgendeinem Jahr einen Rückgang gegeben hat.

In den vergangenen Jahren gab es bei einer Reihe börsenkotierter Schweizer Biotech-Unternehmen enttäuschende Entwicklungen, wie zum Beispiel bei Cytos, Arpida und zwischenzeitlich Santhera, die zu starken Verlusten bei der Marktkapitalisierung dieser Unternehmen geführt hat. Dieser Umstand hat das Vertrauen in die Nachhaltigkeit der Schweizer Biotech-Branche zeitweise wohl etwas negativ beeinflusst. Dieser Effekt wurde zusätzlich durch die Liquiditätsengpässe bei den Investoren in den Jahren nach der Finanzkrise 2008, die durch die amerikanische „Subprime Mortgage Krise“ und die „Lehmann Brother's Pleite“ ausgelöst wurde, verstärkt. In der Folge wurde es für Biotech-Unternehmen zunehmend schwieriger, in der frühen Phase ausreichend Kapital für Unternehmensentwicklung zu finden.

Der anschliessende Aufschwung der Finanzmärkte und die Niedrigzinspolitik, zunächst in den USA aber dann auch später im europäischen Raum, ermöglichten wieder starke Kursgewinne und somit auch zahlreiche und hochbewertete IPOs (Initial public offerings) für Biotech-Unternehmen, vor allem in den USA. Das Kapital und Interesse an der Finanzierung von innovativen Biotech-Konzepten war in Europa, darunter vor allem in der Schweiz, wieder vorhanden.

Speziell in der Schweiz wurde dieser Trend durch positiven Newsflow über starke Pharmakollaborationen wie zum Beispiel Molecular Partners-Allergan, AC Immune-Genentech, aussichtsreiche IPOs (zum Beispiel Molecular Partners), starke Trade-Sales (zum Beispiel Covagen sold to Janssen) und die Wiederauferstehung von Santhera stark positiv beeinflusst. Nach meiner Einschätzung ist es in der Schweiz für gute Biotech-Projekte derzeit kein Problem, ausreichend Wachstumskapital zu bekommen.

Sie haben vor drei Jahren in Basel das Biotech-Unternehmen NBE-Therapeutics gegründet. Wie schätzen Sie den Standort Basel für Biotechnologie in Konkurrenz zu anderen Standorten in der Schweiz und weltweit ein?

Ulf Grawunder: Für Biotech Start-ups hat Basel im Vergleich mit anderen Standorten in der Schweiz, vor allem der Greater Zurich Area (insbesondere Schlieren) und dem Arc Lémanique, doch eine erheblich kleinere kritische Masse, was vor allem durch das geringere Angebot flexibel mietbarer und gut ausgebauter Laborflächen in der Region Basel bedingt ist. Der Life-Science Standort Basel lebt nach wie vor von der Sogwirkung der global führenden Pharmaunternehmen Roche und Novartis, aus denen auch immer wieder erfolgreiche Biotech-Unternehmen entstanden sind, wie zum Beispiel Speedel, Actelion oder Basilea Pharmaceutica.

Roche und Novartis, die inzwischen stark in biotechnologische Strategien investieren, haben einen stark positiven Einfluss auf das Basler Biotech-Ökosystem. Einerseits, weil die Wege zu den grossen Pharmafirmen und deren Venture Funds hier kurz sind und auch, weil durch die lokale Präsenz der Pharmafirmen ein Austausch von Ideen aber auch Personal zwischen "Big Pharma" und "Small Biotech" leicht möglich ist.

NBE-Therapeutics befindet sich im Technologiepark Basel. Sind Sie mit Ihrer Standortwahl zufrieden?

Ulf Grawunder: Was den Technologiepark Basel angeht, bin ich mit der Standortwahl sehr zufrieden. Der Technologiepark Basel ist ein entscheidender Faktor für kleine Life Science Start-up Firmen in der Region Basel, weil hier, in unmittelbarer Nähe zu den top akademischen Institutionen der Region, dem Unispital, der Uni Basel, dem Bio-/Pharmazentrum, dem ETH-D-BSSE-Institut und der Fachhochschule Nordwestschweiz, ein Zentrum für innovative Life-Science Start-up Unternehmen geschaffen wurde, in denen top ausgebaute Labore und Büros vorhanden sind. Diese Räumlichkeiten können von den Start-ups flexibel angemietet werden. Darüber hinaus stehen zentrale Einrichtungen und Meetingräume zur Verfügung, die es den Start-ups ermöglichen, sich in einem sehr funktionellen und ansprechenden Umfeld zu entwickeln.

Am Konzept wichtig ist zudem, dass ein sehr professionelles und effizientes Management vor Ort ist, mit dem die Start-up Firmen sehr konstruktiv zusammen arbeiten können, um gegebenenfalls Anpassungen von Räumlichkeiten oder Infrastrukturen, zugeschnitten auf die Bedürfnisse der Start-ups, schnell und unkompliziert umsetzen zu können.

Was braucht es zu einem erfolgreichen Biotech Start-up Unternehmen und was sind dabei die grössten Herausforderungen?

Ulf Grawunder: In erster Linie braucht es natürlich für jedes Start-up Unternehmen Kapital oder eine Anschubfinanzierung, damit Ideen und innovative Konzepte überhaupt umgesetzt und zur Marktreife entwickelt werden können.

Es gibt kaum ein Start-up Unternehmen, das von Beginn an Gewinne erwirtschaftet, aus denen die operativen Tätigkeiten finanziert werden können. Wenn diese Hürde einmal genommen ist und das Startkapital für die Anstellung erster Mitarbeiter, das Anmieten von Büro- und Laborräumlichkeiten und für die ersten Entwicklungsaktivitäten vorhanden ist, dann ist der wohl kritischste Faktor, ein markfähiges Produkt oder eine Dienstleistung so schnell wie möglich zu entwickeln. Nur wenn dieses Ziel erreicht wird, kann ein Unternehmen nachhaltig wachsen und die weitere Finanzierung entweder über Umsätze oder über weitere Investitionen von Kapitalgebern - oder beidem - finanzieren.

Die oft bemühte Platitüde "Time to Market" ist auch bei Start-up Firmen von zentraler Bedeutung. Dabei sind stets das kompetitive Umfeld sowie die Bedürfnisse der möglichen Kunden des Produkts oder der Dienstleistung im Auge zu behalten.

In welcher Unternehmensphase befindet sich Ihr Unternehmen zurzeit?

Ulf Grawunder: Die NBE-Therapeutics hat nach dem offiziellen Startschuss Mitte 2012 und dem Beginn operativer Tätigkeiten rund ein Jahr später, inzwischen die erste Aufbauphase, die sogenannte "Seed Phase" erfolgreich überstanden. Während dieser ersten Jahre wurden die Fundamente für das neue Unternehmen gelegt, was in unserem konkreten Fall die Etablierung, Validierung und Patentierung neuer und effizienter Technologie-Plattformen bedeutet. Dank dieser konnte die Firma nun sehr effizient hochpotente Antikörper-Toxin-Konjugat Medikamente zur hochselektiven Krebstherapie entwickeln und herstellen. Inzwischen haben wir die sehr gute Wirksamkeit unseres proprietären Antikörper-Toxin-Konjugat Formats in verschiedenen Krebsmodellen in Tieren nachweisen können und die ersten zwei Produktkandidaten sind in der finalen Validierung in Tumormodellen.

Das bedeutet, dass wir in Rekordzeit nun zu der Schwelle gekommen sind, um Produktkandidaten auszuwählen, die wir nun unter klinischen Standards produzieren müssen, um die Produkte in zwei bis drei Jahren in Krebspatienten evaluieren zu können. Das ist gerade eine ganz besonders spannende Phase.

Wo sehen Sie sich und Ihr Unternehmen in zehn Jahren?

Ulf Grawunder: Ich hoffe, dass die derzeit von uns entwickelten Medikamente in zehn Jahren Krebspatienten helfen werden, ihre Krebserkrankung zu überwinden. In diesem Kontext erwarte ich, dass die NBE-Therapeutics dann entweder als eigenständiges oder als ein in einer grossen Pharmafirma integriertes Unternehmen diese Entwicklung weiter vorantreiben wird. Abhängig von diesen Varianten werde ich die Entwicklungen bei der NBE-Therapeutics entweder selbst weiter vorantreiben, oder mich dazu entscheiden andere, neue Innovationen in einem anderen Kontext zur Marktreife zu bringen.

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Kontakt:

NBE-Therapeutics
Ulf Grawunder
CEO und Gründer
Technologiepark Basel
Hochbergerstr. 60C
4057 Basel

Telefon: +41 61 633 22 30
E-Mail: info@nbe-therapeutics.com
www.nbe-therapeutics.com

 

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